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Presse

Juni 2008

Ausstellung Wortspielzeug von Hans Magnus Enzensberger

Enzensberger SKW SpitzenlyrikEnzensberger SKW Die ewige WiederkehrEnzensberger SKW Les mystere dans les lettres

Die Ausstellung „WortSpielZeug“ von Hans Magnus Enzensberger macht die Swarovski Kristallwelten vom 16. Juni bis zum 9. November 2008 zum „WortSpielPlatz“ – ein Plädoyer für die Lust am Sprachspiel und die Freude am Wortewandel.

Mit Worten zu spielen, sie auf ihren Sinn zu prüfen, sie zu drehen und zu wenden, bis ihre Bedeutung hinter ihrem Klang verschwindet, ist „eine unbezähmbare Lust“, die den deutschen Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer Hans Magnus Enzensberger bereits früh erfasste. Aus der unterhaltenden Spielerei, die ihn schon sein ganzes Leben lang begleitet, erwuchs schließlich die Idee, über den reinen Text hinauszugehen und „gegenständliche Spielzeuge zu konstruieren, Objekte, die im Halbschatten zwischen Kunst und Nonsens angesiedelt [sind] und andere Formen der Lektüre ermöglichen“.

Die so entstandenen 18 Objekte, die unter dem Titel „WortSpielZeug“ in den Swarovski Kristallwelten zu sehen sind, wecken die Neugier auf die (verborgenen) Bedeutungen der Wörter und verleiten dazu, selbst Neues zu schaffen. Es sind mechanische Apparaturen, aufgezeichnete Nachrichten aus der Welt der Literatur, Materialien zur optischen Verfremdung, die den dahinter stehenden Sinn erst im Wechsel von Licht und Schatten freigeben. Dazwischen finden sich bedruckte Alltagsgegenstände und frei zusammensetzbare Module zur Erstellung von Gedichten und Begriffspaaren.

Ein Teil dieser literarischen Gerätschaften beruht auf Assoziationen zum Textinhalt – etwa, wenn im Objekt „Spitzenlyrik“ Rainer Maria Rilkes Verse über die Kunst des Spitzenklöppelns durch eine Tortenspitze zu lesen sind, wenn Enzensbergers Gedicht „Schattenreich“ erst durch das Öffnen und Schließen einer Jalousie als Ganzes lesbar wird oder sich das „Alpenjägerlied“ von Paul van Ostajen entlang zweier Messingzylinder bewegt: „Auf und ab“ – gerade so wie die beiden Protagonisten des Gedichts eine Straße bergauf und bergab klettern.

Zum anderen bricht Enzensberger in seinen Textskulpturen mit dem Gewohnten, er hinterfragt Bedeutungen oder schafft in „Augsburg, chinesisch blau“ einen neuen Text, indem er andere zerlegt und die Teile zueinander in Beziehung setzt. Worte können mit den Händen begriffen werden. Die Linien eines Fingerabdrucks, die Buchstaben eines Textes geben andere Muster frei als die zunächst sichtbaren. Nicht zuletzt können sich Ausstellungsbesucher selbst im Entwerfen neuer Kombinationen üben, indem sie die sechs mal 14 Sonett-Zeilen von „Riccordi di Laura“  gegeneinander verschieben oder an den Drehscheiben von „Schwarzweißrotgrün“ nie gesehene Farben von Apfelweiß bis Ziegelschwarz entwerfen.

Zusammen ergibt das Enzenberger’sche „WortSpielZeug“ eine Poesie zum Angreifen, zum Mitdenken und Staunen. Des Dichters Lust am gelösten Hantieren mit Text überträgt sich auf höchst vergnügliche Art auf alle, die ihm im Literaturparcours seines „WortSpielZeuges“ folgen.

Ausstellungskonzeption: ArtKonzept – Agentur für Gestaltung und Beratung - Petra Findeisen und Wolfgang Schwarz, Stuttgart

Biografie
Hans Magnus Enzensberger

„Seitdem ich anfing, mich über die Sprache zu wundern, also mit drei vier fünf Jahren, habe ich mich mit Sprach- und Denkspielen beschäftigt“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seiner Einführung zur Ausstellung „WortSpielZeug“. Sprache und Text sind für den 1929 in Kaufbeuren Geborenen das ganze Leben hindurch bestimmend. Er studierte Literaturwissenschaften, Sprachen und Philosophie, promovierte über Clemens Brentanos Poetik, war Rundfunkredakteur, Dozent und Verlagslektor, vor allem anderen aber Autor. In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren trat er mit den Gedichtbänden „verteidigung der wölfe“  und „landessprache“ erstmals an die Öffentlichkeit. In der Folge erscheinen weitere Gedichte, Romane, Theaterstücke, Essaysammlungen zu Politik und Philosophie („Politik und Verbrechen“,  „Palaver“, „Diderots Schatten“ u.a.), biografische und dokumentarische Texte („Hammerstein oder der Eigensinn“, „Der kurze Sommer der Anarchie“, „Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht“) sowie Abhandlungen zur Sprache („Heraus mit der Sprache“).

Gleichzeitig fand und findet Enzensbergers Beschäftigung mit Text in vielen anderen Bereichen statt. Der Schriftsteller, der immer wieder längere Zeiträume im Ausland lebte – u.a. in Norwegen, Italien, der Sowjetunion, den USA und Lateinamerika –, arbeitet auch als Übersetzer und Herausgeber. 1965 gründete er die Kulturzeitschrift „Kursbuch“, die als eine der wichtigsten medialen Äußerungen der Studentenbewegung gilt, und leitete sie bis 1975. 1980 rief er mit Gaston Salvatore das Kulturmagazin „TransAtlantic“ ins Leben, an dem er bis 1982 mitarbeitete. In der bibliophilen Reihe „Die Andere Bibliothek“, die Enzensberger von 1985 bis 2007 als Gründer und Herausgeber betreute, erschienen bisher mehr als 250 Bände.

Hans Magnus Enzensbergers Arbeit wurde u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis (1963), dem Heinrich-Böll-Preis (1985) und dem Heinrich-Heine-Preis (1998) gewürdigt. Anlässlich der Verleihung des Medienpreises durch die Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2006 benannte die Deutsche Mathematiker-Vereinigung ein Polynom nach ihm als „Enzensberger-Stern“.